11:32h, Donnerstag 16.04.2009
Verkehrsstrukturen nach 30 Jahren angeblich verändert:
Macht Lemgos Nordumgehung überhaupt noch Sinn?
Lemgo (ti). Am sonnigen Osterwochenende tummelten sich wieder zahlreiche Bürgerinnen und Bürger im Lemgoer Naherholungsgebiet Ilsetal/Radsiektal. Unberührte Landschaft, Idylle und Heimat vieler auf der roten Liste stehenden Tierarten. Doch die Nordumgehung wird das Ilsetal/Radsiektal zerschneiden und damit zerstören, warnt nach wie vor die Bürgerinitiative „Pro Ilsetal e.V.“ Eine Stellungnahme des Amtes für Stadtentwicklungsplanung aus dem Jahr 2000, sah dies genauso und weiter hieß es in der Stellungnahme: „Die Nordumgehung stellt einen irreversiblen Eingriff in Landschaft und Natur dar und wird für ca. 7.500 Bürgerinnen und Bürger eine erhebliche Verschlechterung ihrer Wohn- und Lebensqualität darstellen“. Das Ziel der Umgehungsstraße, eine deutliche und wahrnehmbare Entlastung vom Verkehr auf dem Innenstadtring zu erhalten, wird nicht erreicht. Auch dies war bereits in der Stellungnahme zum nördlichen Abschnitt B238n des Amts für Stadtentwicklungsplanung zu lesen. Dementsprechend empfahl damals auch das Amt aus stadtplanerischer Sicht die Null-Variante - also den Verzicht auf die nördliche B238n.
Das Konzept der Nordumgehung entstand in den 70er Jahren als schnelle Fernverbindung zwischen Detmold und Rinteln. Heute besteht aber ein sechsstreifiger Ausbau der A2, den es damals noch nicht gab, so die Argumente von Pro Ilsetal. Auch die jetzige Variante der Nordumgehung - sieben Trassenführungsvorschläge und vier Untervorschläge gab es insgesamt in den zurückliegenden Jahren - entspräche nicht mehr den tatsächlichen Verkehrsstrukturen. Deshalb fordert die Bürgerinitiative: Nach Fertigstellung der Südumgehung und der innerstädtischen Ost-West-Tangente die eingetretenen Veränderungen der Verkehrsbelastung zunächst zu überprüfen und das Verkehrsgutachten dem anzupassen!"
“Die Nordumgehung wird nicht offen geplante Fakten schaffen“, erklärt Dr. Karl-Ludwig Tracht im Gespräch mit der Wochenschau: „Besonders im Bereich der Abfahrten in die Stadt zwischen der Straße und der vorhandenen Randbebauung wird das "leere" Gelände unternehmerische Aktivitäten anlocken und es mit dem unschlagbaren Argument der Arbeitsplatzbeschaffung zur Vermarktung freigeben“. So seien schon jetzt ein Edeka und ein Aldi Markt mit einem Großparkplatz für 200 Fahrzeuge auf der Freifläche am Kindergarten Dewitzstraße konkret geplant, was wiederum noch mehr Verkehr und damit auch mehr Verkehrslärm anziehen würde. Die weitere Entwicklung auf der anderen Seite des Entruper Weges sei somit vorprogrammiert! Das aber würde die Verödung der Lemgoer Innenstadt beschleunigen und die Attraktivität als Einkaufszone weiter vermindern. Die Nordumgehung wird einen trennenden Charakter zwischen Siedlung und Naherholungsraum besitzen, gepaart mit einem deutlich erhöhten Lärmpegel. Dies konnte der damaligen Stellungnahme des Amts für Stadtentwicklungsplanung ebenfalls entnommen werden und weiter hieß es wörtlich: "Das Ziel der Umgehungsstraße, eine deutliche und wahrnehmbare Entlastung vom Verkehr auf dem Innenstadtring zu erhalten, wird leider nicht erreicht. Die Entlastung beträgt auf der Rintelner Straße zwar ca. 45 Prozent auf der Richard-Wagner-Straße und der Gosebrede jedoch nur zwischen 21 und 25 Prozent (bezogen auf den Prognosehorizont 2015). Hier sind Bewohner und Schulen auch zukünftig so stark betroffen, d.h. die Verkehrsmengen bleiben so groß, dass etwa Rückbaumaßnahmen zur Verbesserung der Wohnqualität und weitere Verkehrssicherungsmaßnahmen kaum möglich sind.“ (...)
Resignation ist allerorten zu hören: "Die Straße wird ja doch gebaut, da kann man nichts mehr machen!" Trotz veränderter Verkehrsstrukturen als noch vor 30 Jahren, wird die Frage der Sinnhaftigkeit der Planung überhaupt nicht gestellt - und dies obwohl gute Gründe für Zweifel bestehen, wendet die Bürgerinitiative ein. "Mag sein, dass es politisch keine Möglichkeiten zur Verhinderung der Nordumgehung gibt", kontert Dr. Karl-Ludwig Tracht, "aber juristisch gibt es diese Möglichkeiten immer noch!" Das Planfeststellungsverfahren beginnt vermutlich Ende diesen Jahres. Dann haben Verbände, Organisatoren und Bürger die Möglichkeit, Stellung zu dem Projekt zu beziehen. Silke Tracht warnt abschließend: "Die Zerstörung des Naherholungsgebiets und der gewachsenen Kulturlandschaft ist unwiederbringlich um am Ende eine Straße zu haben, die doch niemand braucht."
Bildtext: Dr. Karl-Ludwig und Ehefrau Silke Tracht bewohnen die Steinmühle. Die Nordumgehung wird quasi vor ihrer Haustür entlang führen und sie vom jetzigen Stadtrand abschneiden.
tina.schell
Der Beitrag wurde am Donnerstag, dem 16. April 2009 um 11:32 Uhr veröffentlicht und wurde unter Startseite, Lokales abgelegt.
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